Luce Suarez

Luce und Tia sind von ihrer gemeinsamen Jugend auf Bostons Straßen geprägt. In einem Viertel, in dem Gewalt, Waffen und Drogen an der Tagesordnung stehen, fällt es ihnen schwer, an eine gute Zukunft zu glauben. Sie sind sich einig, dass eine Beziehung nicht in ihr Leben passen kann. Jede emotionale Bindung bietet ihren Feinden Angriffsfläche. Diese Rechnung haben beide aber ohne ihr Herz gemacht. Die Macht der Vergangenheit beherrscht ihre Gegenwart und sorgt für eine unerreichbare Zukunft, verlorene Träume und gebrochene Herzen.

 

Leseprobe:

Prolog

LUCE

 

Die Luft war heiß, stickig und genauso, wie der immer weiter ansteigende Lärm, der zu ihm drang, kaum auszuhalten.

Die Lagerhalle, in der sein heutiger Kampf stattfinden sollte, kannte er bereits. Immer wieder griff Salvatore, der sozusagen sein Chef war, auf diese Location zurück.

Luce mochte sie nicht. Sie war zu nah am Viertel, hatte zu große Fenster und rundherum nichts als Wiese. Es gab kaum Möglichkeiten unbemerkt hinein oder hinaus zu kommen.

Auch die vielen langen, labyrinthartigen Gänge, die von den Kellerräumen hinauf in die Halle führten, behagten ihm nicht. Eine schnelle, zielgerichtete Flucht war hier nicht möglich.

"Du solltest dich langsam bereit machen", sagte Tony, als er den Raum betrat, in dem Luce sich vorbereitete.

Hier gab es kein Fenster. Die Luft stand im Raum und es war beinahe unerträglich heiß.

Die Geräusche aus der Arena waren nun, da die Tür des alten Büros offen stand, noch lauter.

Viel musste er nicht tun. Aufgewärmt hatte er sich bereits. Er griff in seinen Nacken und zog sich das schwarze Hoody über den Kopf. Die Sweatpants, in der er immer kämpfte, hatte er schon zuhause angezogen. Während er sich die Knöchel an seinen Händen tapte, streifte er seine Schuhe ab.

Er war froh, wenn er endlich wieder aus diesem Höllenloch verschwinden konnte. Nicht nur weil die Location absolut beschissen war, er wollte auch so wenig Zeit wie möglich in Salvatores Gesellschaft verbringen.

Das Ende des schwarzen Tapes drückte er besonders fest, damit es sich während dem Kampf nicht lösen konnte.

Fertig. Nun war er endgültig bereit für seinen Kampf.

Er sah genau in dem Moment auf, als Sandro an der Tür vorbei huschte.

Was zum Teufel will der hier?

"Sandro!", rief er dem jungen Mann, der aussah wie eine jüngere Version von ihm selbst, hinterher. Er hätte ihn überall erkannt.

Als keine Reaktion kam, sprang er auf und schrie erneut: "Sandro! Ich hab dich gesehen! Halt an!"

Luce rannte hinaus in den Flur und sah ihn am Ende des Ganges.

"Sandro! Verdammt nochmal!"

Der junge Mann, den er in seiner kleinen Werkstatt angestellt hatte, blieb stehen. Seine Haltung war aufrecht, die Schultern angespannt und die linke Faust um einen Rucksackträger geballt.

"Was zum Teufel willst du hier, Sandro?", fragte er drohend und ging in langen Schritten zu ihm hinüber.

Er hatte hier nichts zu suchen. Er bezahlte ihm nicht einen Haufen Geld, gab ihm eine Arbeit und eine Unterkunft, damit er sich hier in illegale Dinge verwickeln ließ.

Noch immer rührte er sich keinen Millimeter. "Antworte!", befahl er scharf.

Die Schultern des Jüngeren sackten nach unten, genauso wie sein Kopf. Langsam kam er zu Luce.

"Was ist in dem Rucksack?", fragte er, seinem Instinkt folgend.

Als sich Sandros Faust fester darum schloss, riss Luce den Rucksack an sich. Beinahe widerwillig öffnete er den Reißverschluss.

"Marihuana?", fragte er fassungslos.

Nicht gerade wenig. Eindeutig nicht für den eigenen Bedarf.

Sandro rieb sich über den Nacken, man sah ihm sofort an, dass er fieberhaft nach einer Ausrede suchte.

"Halt deine Klappe. Ich will keine Lügen hören. Ich investiere nicht so viel für dich, damit du dann für irgendeinen Wichser mit diesem Shit dealst!", schrie er, außer sich vor Wut.

"Boss ... ich ...", begann er zu stammeln.

Mit der flachen Hand schlug er ihm auf den Hinterkopf. "Du bist ein Trottel, Sandro! Willst du dir alles versauen? Soll ich dich rausschmeißen?"

Panisch schüttelte er mit dem Kopf. "Das ist das erste Mal. Ich schwöre es! Es ist nur ..."

"Luce, wir müssen jetzt los", sagte Tony, der hinter ihm aufgetaucht war.

"Wir sprechen später weiter. Du gehst jetzt nach Hause, ohne Umwege, hast du mich verstanden?"

"Ja."

"Das ist deine letzte Chance, Sandro. Wenn ich von irgendjemandem im Viertel höre, dass du da draußen noch rumgeschlichen bist, fliegst du, kapiert?"

Sandro nickte. Er wusste genau, dass es keine Chance gab, dass Luce nichts davon erfahren würde. Dafür genoss er auf den Straßen zu viel Respekt. Den meisten davon kurioserweise noch nicht einmal von den Anhängern des Rings, sondern bei denen, die versuchten, sich so weit wie möglich, aus diesem Dreck, den die Banden und Gangs heraufbeschworen, herauszuhalten.

Er schubste Sandro grob von sich, sodass dieser den Rucksack loslassen musste. Mit hängendem Kopf joggte der junge Mann den Gang hinunter.

Dann ertönte schon die Stimme des Ansagers über die Lautsprecher. Er musste los. Lieber hätte er dafür gesorgt, dass Sandro in seiner Werkstatt ankam, aber er hatte einen Job zu erledigen.

"Nimmst du den für mich?", fragte er und drückte Tony, der seine Klamotten bereits trug, den Rucksack in die Hand.

Dieser nickte und schwang ihn sich auf die Schulter.

Nach dem Kampf würde er Salvatore den Stoff zurückgeben. Er sollte sich jemand anderen suchen, der seinen Shit verkaufte und seine Jungs in Ruhe lassen.

So geladen, wie er in diesem Moment war, würde es eine kurze Runde werden. Keine Show, wie Salvatore es so gern mochte.

Selbst Schuld.

Sein Chef kannte die Bedingungen, unter denen Luce für ihn kämpfte. Dazu zählte nun einmal, dass dieser seine erweiterte Familie nicht mit hineinzog.

Er ließ die Schultern kreisen, während er in den improvisierten Ring stieg.

Die Worte des Ansagers schallten noch immer durch die Boxen, drangen aber nicht zu ihm durch. Er hatte sie genauso ausgesperrt, wie das Gejubel und Gekreische der Zuschauer.

Die Menge um ihn herum verschwamm und einzig sein Gegner stach daraus hervor.

Wie so oft in diesem Moment, dachte er daran, wie viel einfacher sein Leben wäre, wenn er nur an sich denken würde.

Er könnte es genauso wie Ty machen, sich abseilen und seinen eigenen Weg gehen ... könnte, wären da nicht so viele Leute, die ihn brauchten.

Ty hatte sich umgedreht und nicht mehr zurück gesehen.

Es hatte ihn nicht interessiert, wer die Lücke füllte, die er hinterlassen hatte. Er selbst konnte das nicht. Nicht um seiner selbst willen, das Risiko würde er eingehen, aber jemand musste die, die zurück geblieben waren, beschützen. Genau das tat er Tag für Tag, sofern es ihm möglich war.

Manche wollten auch schlicht nicht gerettet werden. Er hoffte nur, dass Sandro nicht zu denen gehörte, die es nicht schafften.

Er konnte die, denen es egal war, was mit den schwächeren Gesellschaftsmitgliedern passierte, nicht verstehen. Für ihn war es eine natürliche Verpflichtung. Der Starke muss für die Schwächeren einstehen. Es war eine Sache der Ehre, etwas, dass er von klein auf gelernt hatte. Wenn niemand die Schwächsten beschützte, würden sie in den Mühlen der Gangs zerquetscht werden.

Die Glocke riss ihn aus seinen Gedanken. Sein Gegenüber kannte er nicht. Kurz ließ er seinen Blick über ihn wandern und analysierte Vor- und Nachteile.

Er war groß und extrem massig. Zu massig, vermutete Luce, so langsam wie er sich bewegte.

Schwerfällig stürzte sein Gegner sich auf ihn, doch Luce wich ihm ohne Probleme aus. Aus der Drehbewegung heraus, trat er nach ihm und traf den Koloss am Knie.

Dieser erholte sich schnell wieder, hob seine Fäuste und taxierte ihn. Besonnener jetzt, als versuche er, sich erst jetzt ein Bild über seinen Gegner zu machen, doch damit würde er nicht weit kommen.

Einen Moment tänzelten sie umeinander, dann riss dem Sack der Geduldsfaden und er holte erneut weit aus. Die Lücke in der Deckung nutzte Luce sofort und platzierte eine Gerade auf dessen Nase.

Blut spritze und der Bulle taumelte einige Schritte zurück. Sofort setzte Luce nach. Seinem Gegner gelangen einige harte Körpertreffer, während Luce ihn immer weiter zurückdrängte.

Die Lippe und Schläfe des Bullen bluteten bereits nach wenigen Minuten heftig. Der Kampf würde deshalb nicht abgebrochen werden. Er endete erst, wenn einer von beiden zu Boden geschickt wurde.

Er stand nicht mehr allzu sicher, als Luce ihn erneut traf. Trotzdem gelang es ihm, Luce einen starken Kick in die Nieren zu verpassen.

Für einen Moment zog er sich zurück, um zu Atem zu kommen.

"Was soll das? Der taumelt ja jetzt schon, Luce!", fluchte Salvatore hinter ihm.

Zorn loderte erneut hell in ihm auf. Er war diesem Arsch überhaupt nichts schuldig, wenn dieser sich nicht an die Abmachung hielt.

Luces gesamter Körper spannte sich an, als er erneut auf seinen Gegner losging.

Die Wut trieb ihn in ungeahnte Höhen, während er einen Schlag nach dem anderen auf den Bullen einprasseln ließ. Dessen Deckung fiel immer weiter in sich zusammen und machte es Luce noch leichter, seine Fäuste zu platzieren.

Als der Bulle die Arme kaum noch auf Kopfhöhe halten konnte, setzte Luce zu einem Highkick an und schickte seinen Gegenüber damit zu Boden.

Das Publikum hielt den Atem an, kein Ton war zu hören, bis der riesige Mann mit einem dumpfen Geräusch auf dem Betonboden aufschlug. Dann kreischte die Menge los.

Luces Brustkorb hob und senkte sich heftig, als er sich zu Salvatore umdrehte.

Der Moderator kam zu ihm und riss seinen Arm in die Höhe. Jubel ertönte, als der Sieger bekannt gegeben wurde, doch Luce bekam es kaum mit.

Sein Blick fixierte Salvatore, der ihn missbilligend anstarrte, ehe er aufstand und den Raum kommentarlos verließ.

Oh nein, so schnell kommt er mir nicht davon!

Noch völlig außer Atem vom Kampf, zog er sich Hoody und Sneakers an.

Dann schnappte er sich den Rucksack und folgte Salvatore durch die engen Gänge.

Er hörte die Rufe der Zuschauer, doch in diesem Moment hatte er kein Interesse dran, mit ihnen zu feiern, es gab wichtigeres. Er musste Salvatore stoppen, bevor dieser noch weiter gegen die Abmachung verstieß.

Er drückte sich durch die Zuschauer, presste sich an Männern und Frauen vorbei, bis er endlich durch die Eingangstüren der Lagerhalle trat. Dann joggte er los in Richtung der Parkplätze.

Auf dem Rasen vor der Halle angekommen, sah er gerade noch, wie Salvatores Wagen davon fuhr.

Verdammte Scheiße!

Er würde versuchen, ihn am nächsten Tag zu kontaktieren, spätestens aber, wenn er seinen Anteil des Geldes bekommen würde, das an diesem Abend mit den Wetten eingespielt wurde.

Er wechselte die Richtung und ging über den Rasen zurück in Richtung seiner Werkstatt, über der er ein kleines Zimmer hatte, wenn er nicht mehr in seine Wohnung fahren wollte.

Sein Atem hatte sich langsam wieder beruhigt und auch seine Wut hatte er wieder unter Kontrolle. Erst dann fiel es ihm auf.

Es war still ... beinahe zu still. Keine Menschenseele schien im Viertel unterwegs zu sein. Das war für gewöhnlich ein sehr schlechtes Zeichen.

Er beschleunigte seine Schritte, nur eine Sekunde, bevor er die Sirenen und Blaulichter, die sich der Lagerhalle näherten, bemerkte.

Zügig ging er weiter, rannte aber nicht, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

"Hey! Du da! Bleib stehen!", rief eine Stimme hinter ihm. Unbeirrt lief er weiter. Er musste es nur bis zu dem kleinen Waldstück im Park schaffen, dann könnte er unentdeckt zwischen den Bäumen in die Vorgärten verschwinden.

"BPD. Bleib sofort stehen!", rief der Polizist und Luce hörte, wie dieser zu rennen begann.

Verdammt! Weg hier!

Hätte er dieses verdammte Gras nicht in diesem verdammten Rucksack, könnte er sich problemlos herausreden, aber so?

Es blieb ihm nichts anderes übrig. Er rannte los.

Die Schreie hinter ihm wurden immer lauter und es war klar, dass er mit dieser Aktion, die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte. Aber eine Alternative hatte es nicht gegeben.

So schnell er konnte, rannte er in der Dunkelheit, durch die Bäume, die das Grundstück von den Wohnblocks trennten.

Plötzlich rammte ihn etwas von der Seite. Im vollen Lauf verlor er das Gleichgewicht, kam ins Stolpern und fiel schließlich zu Boden. Er konnte sich gerade noch über die Schulter abrollen.

Dann traf ihn etwas hart im Rücken. Automatisch versuchte er sich frei zu kämpfen, erntete dafür einen harten Schlag auf seine Schläfe.

Schmerz schoss durch seinen Kopf, machte ihn nur noch entschlossener, von hier weg zu kommen.

Wieder wollte er sich instinktiv wehren, besann sich aber eines besseren, als zwei weitere Schläge auf seinen Kopf krachten.

Seine Arme wurden grob auf seinen Rücken gedreht und das kalte Metall der Handschellen traf auf seine Handgelenke.

Seine sowieso schon lädierte Schulter schmerzte unter der rüden Behandlung. Wie Stromschläge peitschte jede Bewegung an seinem Arm durch seinen Körper und er konnte ein Aufstöhnen kaum noch unterdrücken.

Die Polizisten sprachen miteinander und auf ihn ein, während einer von ihnen seinen Rucksack durchsuchte. Ihre Worte waren unverständlich, zu schnell rannten seine Gedanken.

Der Bulle, der auf seinem Rücken kniete, richtete sich auf und zog ihn auf die Beine. Wieder brannte seine Schulter und alles um ihn herum drehte sich. Dann leierte er seine Rechte herunter.

Blablabla. Den Text kannte er zu genüge. Nichts was die beiden ihm sagen würden, konnte neu sein.

Luce schwieg. Alles was er sagen würde, würde ihn nur weiter in die Scheiße reiten.

In diesem Moment gab es nur einen einzigen Menschen, der seinen Arsch retten konnte.

Aber es würde noch eine Weile dauern, bis er seinen Anruf tätigen durfte und bis dahin, schaltete Luce einfach auf Durchzug.

Mat, Matthew Fox. Ebenfalls ein Fire&Ice Mitglied, wie er und Ty. Mat war einer seiner wenigen Freunde außerhalb des Viertels. Mat würde ihn aus dieser Scheiße rausholen. Er schaffte es immer ... irgendwie.