Fabio Bellini

Dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen, versucht Fabio herauszufinden, wie sein Leben weiter gehen soll. Um über seine Zukunft nachzudenken, nimmt er Skys Einladung an und reist nach Boston.
Als Ella in sein Leben tritt, ändert sich alles und Fabio fasst neuen Mut. Er sieht, wie viel das Leben ihm noch zu bieten hat.
Ella hat Angst um Fabios Leben und auch sein inniges Verhältnis zu Sky ist ihr suspekt. In kürzester Zeit scheint alles auseinanderzubrechen und ihre junge Liebe wird auf eine harte Probe gestellt.
Kann ihre Liebe dies überstehen? Auch wenn es um Leben und Tod geht?

Dieses Buch ist Teil einer Serie, dabei aber in sich abgeschlossen. Der nächste Teil, handelt von einer anderen Person dieser Gruppe.

 

Leseprobe:

1 Afrika

FABIO

 

Es war früh am Abend und Fabio saß in der drückenden Hitze im Inneren des Hauses. Die Luft fühlte sich stickig an, doch in dem abgedunkelten, von einem großen Deckenventilator gekühlten Raum, war es zumindest erträglich.

Er brütete über den Berichten für die Organisation in Deutschland, für die er arbeitete. Oder zumindest sollte er das tun. Denn immer wenn er diese dämlichen Formulare ausfüllte, anstatt einen Patienten zu behandeln, nervte ihn seine Arbeit sehr.

Genau dann fiel ihm grundsätzlich wieder ein, warum er überhaupt hier hingekommen war.

Sky.

Seine beste Freundin und seine große Liebe. Leider war diese Liebe einseitig. Sky hatte in ihm nie mehr als einen großen Bruder gesehen. Fabio hatte gehofft, dass sie, als sie Robert endlich verlassen hatte, erkennen würde, wie viel sie ihm bedeutete. Bis zuletzt hatte er dafür gebetet, dass sie seine Liebe erwidern könnte.

Vergebens.

Statt zu ihm zu finden, hatte sie sich in Ryan Black verliebt.

Auf dem jährlichen Mittelalterfestival in Talin vor drei Jahren hatten die beiden sich kennengelernt.

Fabio hatte bis zuletzt gehofft, dass es sich nur um einen Urlaubsflirt handeln würde. Leider hatte sich herausgestellt, dass Ryan der Eigentümer von JB-Industrials war, genau von der Firma, bei der Sky zu arbeiten begonnen hatte.

Mehr und mehr war ihm klar geworden, dass es absolut keine Chance mehr für ihn gab. Er hatte die Liebe seines Lebens verloren.

Jedes Mal, wenn Sky ihm eine E-Mail gesendet hatte, war sein Herz in eintausend Teile zersprungen.

Eines Tages hatte seine Mutter, die ziemlich viel italienisches Temperament besaß, ihm die Leviten gelesen. Da war er endgültig aufgewacht.

Er würde Sky nicht für sich gewinnen können. Nicht einmal, wenn es mit Ryan schief gehen sollte. Sky würde niemals das gleiche für ihn empfinden wie er für sie. Damit wäre eine Beziehung von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Als ihm sein Kollege von dieser Organisation erzählt hatte, hatte er sich sofort angemeldet. Vier Monate, um rauszukommen und Abstand zu allem zu gewinnen, hätten genügen sollen.

Von wegen. Mittlerweile hatte er seinen Vertrag so oft verlängert, dass er seit beinahe zweieinhalb Jahren in Afrika war.

Er war ausgebrannt. Körperlich und vor allem emotional total erschöpft.

Das Leid und das Elend, das hier herrschte, war für ihn nicht vorstellbar gewesen, bis er es mit eigenen Augen gesehen hatte.

Er hatte noch zwei Monate vor sich, aber danach würde er sich eine Pause gönnen müssen, um seine Kraftreserven wieder aufzutanken.

Sie waren zwar nicht mitten in den Kriegsgebieten stationiert, aber immer dort, wo der Krieg schon gewütet hatte. Was er dort zu sehen bekam, hätte er niemals für möglich gehalten. Halb verhungerte, verstümmelte Menschen. Kinder, deren Augen so alt waren, wie er sich an manchen Abenden nach getaner Arbeit fühlte, und deren Gesichter vom Kummer gezeichnet waren.

Während er gedankenverloren am Schreibtisch saß, hörte er plötzlich einen lauten Knall und kurz darauf die Sirene. Er schnappte sich seinen Rucksack, rannte aus dem Gebäude und sah sich hektisch um. Dann konnte er in dem wilden Durcheinander endlich die Laufrichtung der Rettungskräfte erkennen.

Schnell folgte er ihnen. Etwas weiter rechts der Laufroute, sah er Aaida, ein kleines Waisenmädchen, das über ein angrenzendes Feld auf ihn zugelaufen kam. Sie kreischte und rannte immer schneller in seine Richtung, aber Fabio verstand ihre Worte nicht.

Er rannte ihr entgegen, wollte sie zurück zu den Betreuern bringen. Sie war nur noch ungefähr einhundert Meter von ihm entfernt, da explodierte der Boden unter ihr und alles wurde schwarz vor Fabios Augen.

 

Wochen später, als sein Zustand nach einigen schweren Operationen wieder stabil war, hatte Bron, einer seiner afrikanischen Kollegen, ihn über die Vorkommnisse ins Bild gesetzt.

Aaida war auf eine Springsplittermine getreten. Der Sprengsatz war in die Luft gegangen und hatte Aaida sofort getötet.

Fabio selbst hatte vierundzwanzig Splitter abbekommen. Obwohl er noch einhundertdreißig Meter vom Sprengsatz entfernt gewesen war.

Es war ein schwerer Schlag, nicht nur für ihn, sondern für die gesamte Organisation. Der Verlust dieses kleinen, gerade einmal neun Jahre alten Mädchens hatte sie alle tief erschüttert.

An diesem Tag waren neben Aaida noch zwei weitere Kinder gestorben. Als die Beisetzung stattfand, war Fabio noch im Krankenhaus gewesen und hatte, da man ihn aufgrund der Schwere seiner Verletzungen in ein künstliches Koma versetzt hatte, noch nichts von den furchtbaren Vorkommnissen gewusst.

Mittlerweile befand er sich auf dem Weg der Besserung, aber er würde noch zwei weitere Wochen warten müssen, bis das nächste Flugzeug nach Deutschland ihn mitnehmen konnte.

Vorher würde er niemanden informieren. Seine Eltern und Freunde würden sich nur unnötig Sorgen um ihn machen.

Kurz vor dem Abflug würde er bei seinen Eltern anrufen, damit sie wussten, dass er zurückkam.

Sein Magen krampfte sich zusammen bei dem Gedanken, das Ärzteteam ohne seine Hilfe zurückzulassen. Aber in seinem momentanen Zustand war er sowieso mehr zusätzliche Last als wirkliche Hilfe.

Zuhause angekommen würde er sich überlegen müssen, wie sein Leben weitergehen sollte. Was er von da an tun wollte.

 

Weitere zwei Wochen später war es endlich soweit. Er konnte zurück nach Hause fliegen. Seine Eltern waren außer sich, als sie von dem schrecklichen Unfall erfuhren. Fabio hatte es nicht anders erwartet.

Er wurde direkt in das Universitätsklinikum in Düsseldorf eingeliefert. Dort wurden die Nachuntersuchungen eingeleitet.

Beim Routineröntgen seines Thorax fanden die Ärzte einen weiteren Splitter, den die Mediziner im Camp mit ihren begrenzten Mitteln nicht entdeckt hatten.

Der Splitter hatte sich im Herzbeutel abgekapselt, den Herzmuskel selbst aber nicht verletzt. Wenn Fabio sich von seinen Operationen und den Reisestrapazen erholt hätte, würden die Ärzte untersuchen, ob es sicherer war, den Splitter zu entfernen oder ihn einfach an Ort und Stelle zu lassen.

Der Gedanke an eine Operation am Herzen schnürte Fabio die Kehle zu. Als Arzt kannte er alle Risiken, wusste, dass man bei einem gesunden Menschen immer zur Entfernung raten würde, aber das war nicht genug. Bilder von fremden Händen, die in seinem Herzen nach einem Bombensplitter suchten, verfolgten ihn wochenlang.

Er kannte alle gängigen Methoden, alle Spezialisten, aber es reichte ihm nicht. Keiner von ihnen konnte ihm eine Garantie geben, dass er wieder aufwachen würde.

Und die Alternative? Ein Leben lang vorsichtig zu sein und sein Herz nur nicht zu sehr zu strapazieren.

Vom Regen in die Traufe.

Tagelang war er zuhause gesessen und hatte über seine Möglichkeiten nachgedacht. Aber seine Gedanken drehten sich nur im Kreis, fanden keine Lösung, spielten ihm nur immer wieder Szenen von einer auf ihn zu rennenden Aaida, dem Camp Lazarett und den Ärzten in der Uniklinik vor.

Skys Anruf und ihre Bitte, dass er nach Amerika kommen sollte, um sich dort mit einigen Spezialisten zu unterhalten, hatten ihn aus diesem furchtbaren Teufelskreis gerissen.

Er würde zu ihr fliegen. Weniger, um wirklich eine Lösung für sein Problem zu finden, mehr, um ihr und seinen Freunden von den Setarips nahe zu sein. Er musste raus aus diesem Trott und einen neuen Weg finden, sein Leben zu leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Boston

 

 

FABIO

 

Wie jeden Tag seit fast einer Woche ging er durch den Union Street Park I.

Sky hatte ihm angeboten, bei ihr zu wohnen, während er auf die Untersuchungen der Bostoner Ärzte wartete. Erst schien es ihm eine gute Idee zu sein. Jetzt war er sich nicht mehr so sicher.

Die Spannung war mehr als nur geladen. Er geriet immer wieder mit Ryan aneinander und Skys Gegenwart tat ihm nicht allzu gut.

Fabio setzte sich auf dieselbe Bank, auf der er jeden Tag saß. Sie stand genau vor einem kleinen, künstlich angelegten See, auf dem sich eine dünne Eisschicht gebildet hatte.

Der Winter in Boston war genauso trostlos, wie er selbst sich fühlte. Eiskalt, mitten in der Bewegung erstarrt und eingefroren.

Wieder hallte die Explosion in seinen Ohren nach. Der Zeitpunkt, an dem alles in seinem Leben zu einem abrupten Stillstand gekommen war. An dem sich alles vollkommen verändert hatte.

Dabei war er fest davon überzeugt gewesen, endlich wieder den Boden unter seinen Füßen zu spüren. Er hatte etwas gefunden, für das es sich zu leben lohnte. Eine Aufgabe, Menschen, die ihn brauchten.

Zu akzeptieren, dass Sky jemand anderen liebte, war nicht einfach gewesen.

Immer wieder hatte er von seinen Freunden und auch von ihr Nachrichten bekommen. Er erfuhr auf diese Weise, dass sie wirklich mit Ryan zusammen war, dass sie zusammenlebten und geheiratet hatten.

Zu akzeptieren, dass sie jemanden gefunden hatte, mit dem sie genau das teilte, was er sich mit ihr so sehr gewünscht hatte, war ihm schier unmöglich erschienen.

Aber er hatte keine Wahl. Ryan konnte ihr etwas geben, was er selbst nicht konnte. Er wusste noch nicht einmal, was es war, aber er war nicht der Mann, den Sky an ihrer Seite wollte.

Seine Freundschaft zu Sky war unter seinen Gefühlen zerbrochen. Er hatte es in dem Moment gemerkt, als er ihr Haus betreten hatte.

So zurückhaltend kannte er sie nicht und es tat ihm in der Seele weh. Es war seine Schuld. Er wusste, dass er es nicht ganz verbergen konnte, dass ihm der Anblick dieses perfekten Familienglücks weh tat.

Seine wunderschöne Sky in den Armen eines anderen, mit einer kleinen, ebenso bezaubernden Tochter und einem Hochschwangerenbauch.

Er hätte niemals zustimmen sollen, bei ihr zu wohnen. Ihretwegen und auch seinetwegen. Aber er hatte sich so sehr gewünscht, dass alles wieder gut werden würde. Dass es zumindest für ihre Freundschaft noch eine Chance gab.

Sie hatten so viele gute Zeiten miteinander erlebt, waren zusammen aufgewachsen und hatten viele Hürden gemeistert. Diese guten, aber auch die schlechten Zeiten, die Sky mit ihrem Ex Robert erlebt hatte, hatten sie zusammengeschweißt. Eine feste Einheit aus ihnen gebildet.

Er bereute es, dass ihre Freundschaft wegen seinen Gefühlen so einen irreparablen Schaden genommen hatte. Oft schon hatte er sich die Zeit zurückgewünscht, in der er einfach nur bei ihr sein konnte und sie im Arm halten konnte.

Sky hatte ihre Entscheidung getroffen. Jetzt war es an ihm, sein eigenes Leben weiterzuleben, einen Menschen zu finden, der zumindest annähernd so perfekt war wie Sky.

Er wünschte sich für Sky nur das Beste. Sie hatte es verdient. Sie sollte glücklich sein.

Liebe konnte wunderschön sein, aber sie konnte auch verdammt weh tun, wenn sie nicht erwidert wurde.

"Ist da noch frei?" Die weiche Stimme riss ihn mitten aus seinen Gedanken.

Er sah auf und direkt in große, runde, bernsteinfarbene Augen.

Er nickte automatisch und die Frau, die er auf Mitte zwanzig schätzte, setzte sich schweigend neben ihn.

Verstohlen musterte er sie, während sie ohne einen Ton zu sagen, neben ihm saß.

Sie war klein, reichte ihm im Sitzen nur knapp über die Schulter. Sie war rundlich, was der dunkelblaue Daunenmantel nur noch unterstrich. Die Röhrenjeans steckte in ebenfalls dunkelblauen Winterboots, die sie von sich gestreckt und an den Knöcheln überkreuzt hatte.

Ihre dunkelbraunen, kurzen Haare reichten ihr gerade so auf die Schulter. Ihr Gesicht war rundlich mit vollen, von der Kälte geröteten Wangen. Die Nase war klein und gerade, die Lippen voll und sahen sehr weich aus.

Als ihm aufging, dass er sie anstarrte, wendete er den Blick ab und sah geradeaus.

Es schien nicht so, als würde sie sich gern unterhalten wollen und er selbst war auch nicht in der Stimmung für Smalltalk.

Er wollte seinen Gedanken nachhängen und herausfinden, was er jetzt mit seinem Leben anstellen sollte, wie es weitergehen sollte.

Er dachte an den Splitter in seinem Herzbeutel. Er hatte ein Leben und doch keines. Es kam ihm so vor, als würde er am Rand einer tiefen Schlucht stehen. Entweder würde er für immer dort stehen bleiben, oder zu allen anderen auf die andere Seite springen.

Die Menschen auf der anderen Seite lebten wirklich. Sie hatten Spaß, hatten Freunde und eine Beziehung. Er dagegen stand allein auf seiner Seite. Sah ihnen dabei zu, wie sie das Leben nutzten, das ihnen geschenkt wurde. Aaida hätte so ein Leben haben sollen. Sie war ein fröhliches, lebenslustiges Mädchen gewesen und immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Sie hätte nicht überlegt, sie wäre gesprungen.

Die Frage war nur, ob er die Angst in seinem Inneren überwinden konnte und das Risiko, das der Sprung mit sich brachte, eingehen konnte.

Es konnte gut gehen und er würde auf der anderen Seite ankommen, es konnte aber auch schief gehen und er würde sterben.

Unbewusst rieb er sich über die Brust. Sein Leben hing Tag für Tag an einem mehr oder weniger stabilen Seil. Zumindest die immer wiederkehrenden Albträume hatte er mit Hilfe eines Therapeuten in den Griff bekommen. Die vielen schlaflosen Nächte hatten seinem Körper zugesetzt.

"Das war schön, aber ich muss jetzt leider weiter. Danke", sagte die Frau neben ihm und stand auf.

"Wofür?", fragte er und sah mit schräggelegtem Kopf zu ihr auf.

"Deine Gesellschaft." Sie lächelte ihn so warm und wunderschön an, dass er das Lächeln automatisch erwiderte.

Vielleicht war es sogar das erste echte Lächeln seit Monaten.

"Ich habe dich nicht sehr gut unterhalten", gab er zurück.

"Manchmal ist Schweigen Gold und Gesellschaft völlig ausreichend."

Sie zwinkerte ihm zu und ging davon. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln und die Hände hatte sie tief in den Taschen ihres Mantels vergraben.

Jetzt, wo sie weg war, ergaben ihre Worte Sinn. Es stimmte, es war schöner gewesen, zu zweit auf dieser Bank zu sitzen und den starren See anzusehen.

Es war eine beinahe unheimliche Leere, die sie auf seiner Bank hinterlassen hatte, als ob jemand fehlte, der dort sitzen sollte.

Sie war vielleicht fünfzehn Minuten bei ihm gesessen und dennoch kam ihm seine Bank jetzt verlassen vor.

Also stand er auf und ging zurück zu dem Parkplatz, auf dem das Auto stand, mit dem er zum Park gefahren war.

Es wurde Zeit nach Hause zu gehen.

Oder zumindest in Skys Zuhause. Sein eigenes würde er hoffentlich irgendwann finden.