Alex Altera

Ihre Jugendliebe Alex wiederzusehen ist das Letzte, was Cathrin Black jemals wollte. Doch das Versprechen, das sie Sky gegeben hat, lässt sie dennoch nach Deutschland reisen. Auch Alex ist alles andere als begeistert, sich mit Cat treffen zu müssen, doch für Ryan überwindet er seinen Stolz. Wut, Schmerz und tief verletzte Gefühle lassen die erste Begegnung zu einem Desaster werden. Die wieder aufgerissenen Wunden zwingen beide, sich der Vergangenheit zu stellen. Doch können so tief sitzende Narben im Herzen und jahrelange Verzweiflung überwunden werden, um eine Chance auf eine glückliche Zukunft zu haben? Vielleicht sogar eine gemeinsame Zukunft?

 

Leseprobe:

 

1 Wiedersehen

 

CAT

 

Mühsam schluckte Cathrin Black gegen die Übelkeit an, die beim Landeanflug des Flugzeugs in ihr aufstieg. Es war nicht so, dass ihr das Fliegen generell etwas ausmachte, es war mehr das Reiseziel, das dieses Unwohlsein in ihr auslöste.

Sie blickte hinunter auf ihre zitternden Finger und konnte noch immer nicht glauben, dass sie das wirklich tat. Wie zum Teufel hatte sie Sky Black, ihrer Schwägerin, nur versprechen können, diese Angelegenheit zu regeln.

Alexander Altera war der einzige Mann, den sie nie in ihrem Leben hatte wiedersehen wollen. Leider war er auch der älteste Freund ihres Bruders.

Ryan Black wünschte sich seit Jahren, dass Alex zurück nach Boston kam.

Bislang war Cat immer froh darüber gewesen, dass Alex sich so standhaft geweigert hatte. Genau genommen so lang, bis sie aus einem blödsinnigen Impuls heraus Sky versprochen hatte, dass sie Alex nach Boston bringen würde, damit Ryan zusammen mit seinem ältesten Freund die Geburt seines zweiten Babys feiern konnte.

Aus irgendeinem Grund war es ihrem Bruder verdammt wichtig und Cat würde alles dafür tun, ihren Bruder und seine Familie glücklich zu sehen.

Selbst wenn das hieß, ihre eigenen Gefühle zurückzudrängen und diesen Idioten Alex Altera nach Boston zu schleppen.

Mit etwas Anstrengung würde es ihr durchaus möglich sein, so zu tun, als belaste sie die ganze Situation nicht. Ihre Freunde nannten sie nicht ohne Grund die Eisprinzessin. Sie hatte das völlige Abstellen von Gefühlen perfektioniert.

Sie hatte nicht mitbekommen, wie die Maschine auf deutschem Grund gelandet war, bemerkte nun aber den Trubel um sich herum, den die aufstehenden Passagiere verursachten.

Cat rollte die Vogue, ein Magazin über die neusten Trends, zusammen und steckte sie in die Miu Miu-Handtasche.

Dann löste sie den Pferdeschwanz, der ihre langen schwarzen Haare zusammenhielt, und schüttelte die glatte Mähne aus.

Ein attraktiver Mann mittleren Alters lächelte sie an. Cat starrte ihrerseits nur ungerührt zurück und hob dabei eine Augenbraue, als missfiele ihr, was sie sah.

Schon vor langer Zeit hatte sie gelernt, dass das die effektivste Möglichkeit war, sich Männer vom Hals zu halten.

Gib ihnen das Gefühl, nicht gut genug zu sein, und sie verschwinden blitzschnell.

Sie schwang sich die schwarze Miu Miu-Tasche auf die Schulter und folgte ihrem Sitznachbar dann aus dem Flugzeug.

Während der Sicherheitskontrollen und des Abholens ihres Koffers überlegte sie, wann sie zum letzten Mal in Deutschland gewesen war.

Es musste mindestens fünfzehn Jahre her sein, da ihr Vater zu der Zeit noch gelebt hatte. Sie war gerade einmal zehn Jahre alt gewesen und hatte ehrfürchtig zu ihrem sieben Jahre älteren, großen Bruder aufgesehen.

Nur ein Jahr später war ihr gemeinsamer Vater plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben.

Cat schüttelte den Gedanken ab. Der Verlust ihrer damals einzigen Bezugsperson stimmte sie noch immer traurig und für Gefühle hatte sie im Moment absolut keine Zeit.

Sie war eine Frau auf Mission. Wahrscheinlich sogar der schwersten in ihrem Leben. Ab sofort musste sie die Zähne zusammenbeißen, ihre Gefühle ausschalten und ihre Familie glücklich machen.

Danach konnte sie sich in irgendeine stille Ecke zurückziehen und in Ruhe zusammenbrechen.

 

ALEX

 

Völlig entnervt suchte er nach seinem Handy, das seit einer gefühlten Stunde ununterbrochen klingelte. Es musste irgendwo in seinem Koffer sein, den er seit der Ankunft am Nachmittag noch nicht ausgeräumt hatte.

Als er es schließlich fand, starrte er ein wenig unschlüssig auf das Display. Er kannte die Nummer nicht und war sich nicht sicher, ob er zu einem Fremden nach diesem stressigen Tag noch höflich genug sein konnte.

Seufzend ließ er sich auf das ordentlich gemachte Bett fallen und zog das grüne Symbol auf dem Smartphone-Display von links nach rechts.

"Altera", brummte er und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über die Nasenwurzel. Sein Kopf schmerzte und er brauchte dringend eine Pause, ehe sein Körper in den Streik trat.

"Alex?"

Die weiche, nur allzu bekannte Stimme ließ ihn sofort innehalten. Er erstarrte geradezu, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, dass sie es wirklich war, und der Wut, die noch immer tief in ihm schwelte.

"Hallo? Alex?"

Sie war es wirklich. Und er hatte absolut keine Ahnung, wie er ihr begegnen sollte. Er hatte ja noch nicht einmal eine Ahnung davon, was genau er fühlte.

Es war eindeutig zu viel Durcheinander in seinem Inneren. Zu viele Gedanken, zu viel Trauer, zu viel Wut.

"Cat." Seine Stimme klang selbst in seinen Ohren vollkommen emotionslos.

Stille am anderen Ende der Leitung. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er vermuten, dass Cat genauso durcheinander war wie er selbst.

Aber das war sie nicht, das war sie nie gewesen. Sie war schon mit 18 so verdammt abgeklärt gewesen, wie er es heute mit seinen 32 Jahren nicht war.

"Wir müssen uns treffen", sagte sie.

Die Worte waren wie eine Ohrfeige und kamen sieben verdammte Jahre zu spät.

"Ich habe keine Zeit", antwortete er deshalb.

Dass er im nächsten Monat Urlaub geplant hatte, musste sie nicht wissen. Niemand sollte es wissen, da er so einmal seine absolute Ruhe haben konnte, während er vorgab, auf Geschäftsreise zu sein.

"Ich denke, dass du dir eine halbe Stunde Zeit für deinen besten Freund nehmen kannst." Eiskalt, schneidend. Sie sagte es, als sei er ein Arschloch, das seine Freunde absichtlich verletze.

"Tja, leider bleibt es nicht bei einer halben Stunde, wenn zwei Mal neun Stunden Flug zwischen uns liegen." Und selbst wenn er die Zeit erübrigen könnte, er würde Ryan nie wieder besuchen, wollte Ryans kleine Schwester nie wieder sehen.

Vielleicht war es kindisch, oder kleinlich, aber diese Frau hatte es geschafft, ihm das Herz zu brechen. Damit war sie für ihn ein für alle Mal gestorben.

Ihr Schnauben klang mehr als nur abfällig.

"Du bist ein viel beschäftigter Mann, schon klar, wie schon immer."

Was zum Teufel sollte das denn bitte heißen? Cat schaffte es in wenigen Minuten, ihn die komplette Palette aller möglichen Gefühle durchlaufen zu lassen. Dieser Umstand war alles andere als angenehm und ließ seine Wut nur noch weiter anwachsen.

Bevor er zu einer geknurrten Erwiderung ansetzen konnte, fuhr sie bereits fort: "Weil ich das aber schon vorher gewusst habe, bin ich nach Deutschland geflogen. Willst du dir auch die Fahrtzeit in ein Restaurant ersparen? Dann komme ich zu dir."

Eher friert die Hölle zu!

Nie im Leben würde er Cat in sein Haus lassen. Nicht in einer Millionen Jahren.

"Restaurant", knurrte er.

Was zum Teufel wollte sie von ihm? Meinte sie ernsthaft, ein Gespräch könnte alles wieder in Ordnung bringen? Das hätte es damals vielleicht, aber nach all der Zeit, in der er seine Wut auf sie stetig genährt hatte, war dieses Unterfangen chancenlos.

"Im Schiffchen." Wenn möglich, war ihre Stimme noch kälter geworden.

"Morgen. 19 Uhr", erwiderte er.

Er brauchte einen Tag, um seine Gefühle einigermaßen in den Griff zu bekommen. Würde sie ihm jetzt über den Weg laufen, würde er sie einfach nur anschreien und alles rauslassen, das sich die letzten sieben Jahre in ihm angestaut hatte.

"Bis morgen."

Das monotone Tuten in der Telefonleitung hallte wie Kanonenschüsse durch seinen Kopf.

Cat. Cathrin Black, der grausame Geist seiner Vergangenheit, die erste und letzte Frau, die jemals sein Herz berührt hatte.

Wie zum Teufel sollte er es schaffen, ihr gegenüber zu treten? Wie sollte er sachlich mit ihr über einen Besuch bei seinem besten Freund sprechen, wenn er ihr ihren Verrat noch immer nicht vergeben hatte?

Nach all den Jahren hatte er es ja noch nicht einmal geschafft, selbst damit Frieden zu schließen. Er ließ niemanden mehr so nah an sich heran, hatte aus dieser bitteren Lektion mehr als nur gelernt.

Nie wieder würde er sich in eine Situation bringen, in der er sein Herz auf einem Silbertablett präsentierte, nur damit die Eisprinzessin es in Stücke reißen konnte.

Nie wieder!

 

CAT

 

Keuchend starrte sie auf das Telefon. Sie hätte nicht gedacht, dass ein einfaches Telefonat so viel Kraft kosten konnte.

Seine Stimme riss Wunden auf, von denen sie schon lange gedacht hatte, dass sie verheilt waren. Ihr Herz klopfte so kräftig gegen ihren Brustkorb, als würde es jeden Moment hervorbrechen wollen. Ihre Atmung ging viel zu schnell und die Tränen, die aus ihren Augen liefen, hatte sie schon während des Gesprächs nicht mehr zurückhalten können.

Wie zum Teufel sollte sie den morgigen Abend überstehen?

Cat legte das Telefon zur Seite und rollte sich auf dem Bett zu einem kleinen Ball zusammen. Sie schlang die Arme um die Knie und versuchte, körperlich zusammenzuhalten, was innerlich schon vor vielen Jahren zerbrochen war.

Leise weinte sie, wie sie es immer getan hatte. Still, damit niemand etwas von ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung mitbekam.

Nicht dass es ihre Mutter jemals interessiert hätte, aber Ryan hatte sich immer Sorgen um sie gemacht, obwohl er selbst mehr als genug zu tun gehabt hatte.

Sie hatte ihn niemals belasten wollen, nicht nach allem, was er nach dem Tod ihres Vaters für sie getan hatte.

Sie wollte nicht sehen, wie verzweifelt er war, weil er ihr in ihrem Schmerz nicht helfen konnte.

Deshalb hatte sie so viel wie möglich für sich behalten. Nachdem sie gesehen hatte, wie sehr Ryan mit ihr litt, hatte sie versucht zu lächeln, hatte versucht, weiterzuleben und ihm die kleine Cat zu zeigen, die er liebte.

Genauso würde es auch dieses Mal funktionieren. Sie brauchte nur einen Moment für sich, dann würde sie das alles hinbekommen.

Sie würde sich zusammenreißen, die Schultern strecken und der Welt beweisen, dass sie alles schaffen konnte. Dass sie keine Hilfe brauchte und völlig in Ordnung war.

Allein. Wie immer.

 

ALEX

 

Mit dem weißen Handtuch, mit dem er sich nach seiner Dusche abgetrocknet hatte, wischte er den Beschlag vom Spiegel seines Badezimmers.

Der Mann, der ihm daraus entgegensah, war ihm fremd.

Selten hatte er abgekämpfter ausgesehen. Nicht einmal nach schweren Verhandlungen oder einer durchzechten Nacht.

Dabei hatte er nichts anderes getan, als die halbe Nacht und den ganzen Tag über Cats Anruf nachzudenken.

Er konnte noch immer nicht verstehen, dass ihr das alles überhaupt nichts auszumachen schien.

Wie zum Teufel konnte es sein, dass er sein Herz an eine Frau verloren hatte, für die er niemals mehr als ein bisschen Spaß gewesen war?

In langsamen, gleichmäßigen Zügen rasierte er sich das Gesicht.

Eher aus Gewohnheit als um sich für Cat herauszuputzen. In den letzten sieben Jahren hatte er sich deutlich verändert. Sein Gesicht war härter geworden, maskuliner, sein Körper breiter und trainierter.

Auch Cat würde sich verändert haben.

Er hatte es immer bewusst vermieden, Bilder von ihr zu sehen. Er hätte es schlicht nicht verkraftet.

Cat war mit 18 schon unglaublich schön gewesen. Die langen schwarzen Haare und die katzenhaften Augen hatten sie exotisch wirken lassen. Um die vollen Lippen war stets ein weiches Lächeln gelegen, das so gar nicht zu der abgebrühten Kälte gepasst hatte, mit der sie ihn hintergangen hatte.

Schon damals hatten ihren schlanken Körper weiche Kurven umspielt.

Ob es heute noch genauso war, wusste er nicht. Er hoffte es nicht. Er hoffte, dass sie nicht mehr annähernd so perfekt war wie damals. Vielleicht würde es ihm dann leichter fallen, sie endlich zu vergessen.

Alex wusch sich das Gesicht und strich die wenige Zentimeter langen, schwarzen Haare zurück. Er beobachtete dabei den tätowierten Engel, der sich unter dem Spiel seiner Schultermuskeln bewegte. Die schöne Frau mit den schwarzen Flügeln erinnerte ihn täglich daran, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Dass keine noch so schöne Verpackung das Innere auf Dauer verbergen kann.

Nach all den Jahren war die Farbe noch kaum verblasst. Er hatte ihn sich noch in China stechen lassen, als er von Cats Verrat erfahren hatte.

Er warf das Handtuch in den Wäschekorb und ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Er hatte es bewusst klinisch kalt gehalten. Weißer Boden, weiße Wände, weiße Möbel.

Als er damals zusammen mit Cat Ryans Haus eingerichtet hatte, hatte sie gesagt: "Ein Schlafzimmer muss Wärme ausstrahlen. Es muss gemütlich sein, ein Rückzugsort."

Gott verdammt, er konnte kein einziges Schlafzimmer planen, ohne an ihre kleinen weichen Hände zu denken, die über seinen Oberkörper gestreichelt hatten.

Und genau aus diesem Grund wollte er sein eigenes Schlafzimmer ganz anders haben, als Cat es sich vorgestellt hätte.

Das Ergebnis war, dass er beinahe täglich daran dachte, wie sehr ihr Verrat ihn verletzt hatte, und er nur deshalb ein Schlafzimmer hatte, das vom Boden bis zur Decke nach Trotz schrie.

Wenn er es genau nahm, hatte Cat jeden einzelnen Winkel seines Lebens vergiftet. Alles, außer Talin. Talin gehörte noch immer ihm allein. Es war seine kleine Insel der Glückseligkeit, auf der er völlig ohne Erinnerungen an Cat leben konnte.

Aus Gewohnheit zog er sich ein schwarzes Hemd und eine graue Anzughose an.

Für Cat würde er sich keine Gedanken um seine Kleidung machen. Für sie würde er gar nichts mehr tun, er ging auch nur zu diesem Essen, weil es um seinen besten Freund ging.

Ryan war mehr als nur sauer gewesen, als Alex für die Hochzeit abgesagt hatte. So sauer, dass Ryan ihm dann noch nicht einmal erzählt hatte, dass Sky kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes stand.

Alex hatte es lediglich mitbekommen, weil er mit Dave und Tom telefoniert hatte.

Kopfschüttelnd schlüpfte er in seine Schuhe und legte die Bicolor Rolex an sein Handgelenk. Nachdem er sich das Jackett angezogen hatte, ging er durch die Verbindungstür in die Garage und setzte sich in den silbernen Porsche.

Julien, Mats kleiner Bruder, war ganz vernarrt in das Auto gewesen. Alex auch, vor allem deshalb, weil er nie mit Cat über Sportwagen gesprochen hatte. Der Wagen war eine weitere der kleinen Inseln, die er sich in den vergangenen sieben Jahren zusammengesucht hatte.

Das Restaurant, zu dem er nun fuhr, war eines seiner Lieblingsrestaurants. Das Im Schiffchen musste er also zukünftig leider auch von der Liste streichen. Er hätte darauf bestehen sollen, zu McDonald's zu gehen.

Der Gedanke zauberte ein kleines Lächeln auf sein Gesicht. Cat wäre es sicher egal gewesen.

Er schluckte krampfhaft und versuchte, sich auf die Straße zu konzentrieren. Es ging nicht darum, was Cat gefiel und was nicht. Es ging auch nicht darum, was ihm selbst gefiel.

Er musste lediglich dieses Essen irgendwie hinter sich bringen. Keine Sekunde gab er sich der Illusion hin, dass sie dieses Gespräch in einer halben Stunde abhandeln konnten.

Cat anscheinend auch nicht, sonst hätte sie ihn nicht in dieses Restaurant bestellt.